June 13, 2010
Der Reichsparteitag in dir – ZDF blamiert sich
Sonntag 13. Juni, etwa 21:20 mitteleuropäischer Zeit
Deutschland führt bei der WM in Südafrika gegen die Socceroos aus Australien zur Halbzeit mit 2:0. Millionen Deutsche freuen sich, so auch die Moderatoren im ZDF Studio, Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn. Bei der Analyse des Tores zum 2:0 durch Miroslav Klose entgleitet der Moderatorin ein folgenreiche Redewendung.
Miro Klose freute sich über sein Tor wohl so sehr, dass er einen “inneren Reichsparteitag erlebe”.
Miro Klose freute sich über sein Tor wohl so sehr, dass er einen “inneren Reichsparteitag erlebe”.
Ups.
Ein kurzes Zögern den nächsten Satz zu beginnen ließ darauf schließen, dass die Moderatorin sich im Nachhinein wohl bewusst war, dass sie soeben vor einem Millionenpublikum in ihrer Wortwahl ziemlich daneben griff.
Social Web Mechanik schlägt zu
Im Web und auf Twitter schlugen die Wogen hoch. Die Aufregung ist verständlich, ist doch der Reichsparteitag ein Begriff aus der NS-Zeit. Sofort wurde der Twitter-Account von @ZDFonline mit Replies überschüttet.
Ich stelle mir nun ein jüngeres Mitglied der ZDF Online-Redaktion vor, dass also heute Abend den Twitter-Kanal von @ZDFonline betreuen darf und nebenbei das Spiel ansieht. Der unbedachte Sager der Moderatorin live on air wird natürlich gehört. Die Replies an @ZDFonline werden in einer ersten, ungestümen Reaktion quittiert mit einem:
“Innerer Reichsparteitag” ist eine Redewendung, die bedeutet: mit Stolz erfüllt oder tiefste Befriedigung. That’s it!
Ups.
Ein politisch unkorrekter Satz ist, wenn man unbedacht ist, schnell einmal ausgesprochen und kann entschuldigt werden. Aber dass dieser Satz dann auch noch gerechtfertigt (!) wird, ist der eigentliche Skandal an der Sache.
Der Tweet wurde nach etwa 100 Retweets gelöscht und kann am offiziellen Twitter-Account nicht mehr nachgelesen werden. Die Journalistin @CorinnaMilborn zum Beispiel hat jedoch ihrerseits den Tweet retweeted und auch richtig kommentiert:
WTF??? RT @zdfonline “Innerer Reichsparteitag” ist eine Redewendung, die bedeutet: mit Stolz erfüllt oder tiefste Befriedigung. That’s it!
Ich denke, dass in der Aufregung live on air so etwas passieren kann. Nicht darf, aber es kann passieren. So etwas sollte in Ruhe redaktionsintern geklärt werden und eine öffentliche Entschuldigung nächste Woche ebenfalls live on air verlesen oder an anderer Stelle gebracht werden.
Fragwürdig finde ich allerdings die Ereiferung über diesen Sager aus diversen Teilen der österreichischen Twittergemeinde.
@corinnamilborn was soll denn das bitte heißen, drehen die deutschen jetzt durch? #wmaut
“Die Deutschen?” Ich kann mich nicht erinnern, dass sich gestern beispielsweise auch nur irgendjemand aufregte, als Manfred Zsak – immerhin österreichischer U21 Nationalteamcoach – von “durch den Rost fallen” sprach. Diese Redewendung hatte schon in der NS-Zeit eine eindeutige Konnotation.
Wer im Glashaus sitzt..
Herr und Frau Österreicher sollten sich vielleicht zuerst vor der eigenen Haustüre umsehen, bevor gleich über die Nachbarn geschimpft wird.
In zahlreichen Begegnungen mit Deutschen und während meiner Aufenthalte in Deutschland konnte ich nämlich, verglichen mit österreichischen Verhältnissen, ein hervorragendes Geschichts- und Verantwortungsbewusstsein gegenüber der deutschen Vergangenheit beobachten. Das entschuldigt zwar nicht den unbedachten Sager einer Journalistin, soll aber vor Augen führen, dass mit einer Entgleisung nicht die, meiner Meinung nach, korrekte Aufarbeitung der Geschichte einer ganzen Nation in den Schmutz gezogen werden darf.
Schon gar nicht wenn man in Österreich wohnt.
Während ich das hier tippe gibt’s auf Twitter von seiten des ZDF’s auch schon die erste Reaktion dazu:
ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz: “Es war eine sprachliche Entgleisung im Eifer der Halbzeitpause. Wir haben mit (cont) http://tl.gd/1s0ejb
Genau so hätte ich mir das vorgestellt. Ohne Rechtfertigung der Redewendung.
That’s it!
5 Comments
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Ganz ehrlich? Man kann in Zeiten der allein seligmachenden Political Correctness auch verd… nochmal überempfindlich sein. Meine Güte.
ich finde es vermessen, sofort alles an kritik mit dem hiweis auf die ach so schlimm ausartende political correctness abzutun. entgegenhalten könnte man, dass eine empörung selbstverständlich ist (auch kollegin milborn war empört, witzig, dass du ihren tweet als “angemessen” darstellst, alle anderen incl. meinen aber als überspielte aufregung). auch entgegnen könnte man die frage, wo denn das hinführt, wenn alles, was in NS diktion gesagt wird, als nebensächlich etc. abgetan wird…
lies mal hier, was ich zu diesem thema gebloggt habe: http://herrklemann.at/?p=703
nicht alles was auf 140 zeichen empört rüberkommt, muss unreflektiert und aufbauschend sein.
man sollte sich nicht allzusehr mit kritik an “political correctness” aufreiben. niemand kritisiert um des kritiserens willen. wenn jemand im ZDF dauernd sager wie “nicht schuss pakt” uä. verwendet und englische zeitungen nazi vergleiche anstellen, dann finde ich es nur selbstverständlich, dass es aufregung gibt.
http://monochrom.at/blog/index.php?op=ViewArticle&articleId=228&blogId=1